oder: „Du, Sie, Vor- oder Vatersname?“
von Dr. Daria Boll-Palievskaya
Im Unterschied zu deutschen Umgangsformen, ist im Russischen die Anrede per Sie in Verbindung mit dem Vornahmen sehr verbreitet. So sagt man zum Beispiel „Guten Tag Olga. Wie geht es Ihnen?“ oder „Alexander, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“.
Wenn sich im Geschäftsleben die Kollegen nur mit dem Vornamen ansprechen, heißt das nicht automatisch, dass sie sich auch duzen. Es ist auch üblich, sich beim offiziellen Kennenlernen nur mit dem Vornamen vorzustellen. Das bedeutet aber für Sie auf keinen Fall, dass Sie die Person auch duzen dürfen.
Denn die Distanz zwischen Du und Sie ist im Russischen genau so groß wie im Deutschen. Dabei gibt es jedoch mehr sprachliche Möglichkeiten, diese Distanz zu reduzieren.
Generell sprechen mit Vornamen an und bleiben trotzdem per Sie:
- Dozenten ihre Studenten
- Chefs ihre Mitarbeiter
- ältere Leute jüngere Leuten usw.
Ein rein russisches Phänomen ist die Anrede mit Vor- und Vatersname wie z.B. Wladimir Alexandrowitsch, Ivan Wassilowitsch, Maxim Gennadowitsch. Für den Ausländer sind das oft richtige Zungenbrecher.
Es wird von Ausländern auch nicht erwartet, dass sie die Anrede mit Vor- und Vatersnamen beherrschen. Also können Sie den Geschäftspartner auch nur mit dem Vornamen ansprechen. Aber Vorsicht: Bleiben Sie trotzdem beim Sie.
Mit Vor- und Vatersnamen sprechen sich an:
- Junge Leute ältere Leute
- Mitarbeiter ihre Vorgesetzten
- Schüler ihre Lehrer
- Studenten ihre Professoren
- oft Schwiegertöchter- und Schwiegersöhne ihre Schwiegereltern usw.
Es kommt also vor, dass Jüngere von Älteren in Verbindung mit dem Vornamen geduzt oder gesiezt werden, aber nicht umgekehrt.
Anders als in Deutschland werden Familiennamen bei der Anrede nicht verwendet. Die Anrede mit Herr bzw. Frau und Familienname klingt für das russische Ohr sehr distanziert und kalt.
Der Übergang zum Du vollzieht sich oft spontan, ohne große Ankündigung, so zu sagen „nach Gefühl“. Das bedeutet, dass die Beziehung ungezwungener und die Atmosphäre wärmer wird.
Und was ist aus dem weltberühmten „Genosse“ (Towarisch) geworden? Diese Anredeform ist im heutigen Russland ein Anachronismus. Ernsthaft hat sich nur noch in der Armee und in der Kommunistischen Partei erhalten.
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Über die Autorin:
Frau Dr. Daria Boll-Palievskskaya studierte in Moskau und Köln neben Philologie und Germanistik auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und der russischen Kultur. Heute unterstützt sie als freiberufliche Trainerin und Beraterin für interkulturelle Kommunikation deutsche Unternehmen beim Russlandgeschäft. Gleichzeitig veröffentlicht sie Fachbücher zu diesem Thema. Ihr aktuelles Buch heißt „Der Russland Ratgeber. Leben, Arbeiten, Kultur & Business“
Kontakt: www.fit-for-russia.de/html/fit_for_russia_kontakt.html
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September 28, 2009 um 16:01 |
Sehr verehrte Daria ….wna, Ihr Aufsatz zum Thema Anrede in Russland hat mir sehr gefallen. Ich darf über gleiche Erfahrungen berichten, die mir gerade im Geschäftsalltag sehr wichtig erscheinen. Im Umgang mit russischen Gesprächspartnern, mithin älteren Gesprächspartnern (ich bin 44 Jahre), darf ich sagen das die von Ihnen beschriebene Verhaltensweise mir zu erheblich vertrauensvolleren und tiefergehenden Gesprächen und auch Erfolgen verholfen hat.
Danke für Ihren Aufsatz
Herzlichst Ihr Stephan Fittkau